1)
Ist die zunehmende Häufigkeit der Gesangverein-Auflösungen Ihrer Meinung
nach auch auf die Kosten (für Anmietungen, Chorleiter, Auftritte usw.) zurückzuführen?
Ich glaube nicht, dass wir von einer
zunehmenden Häufigkeit von Vereinsauflösungen sprechen sollten. Das
belegen auch die Zahlen im Kreis-Chorverband Koblenz der letzten
Jahre. Und die Auflösung der Männerchöre in den letzten Jahren
hatte sicherlich nichts mit den Kosten zu tun, denn vielfach wurden
und werden Beiträge weit unterhalb einer (vermuteten) Reizschwelle
von 10 € erhoben. Das Problem liegt einfach in der Überalterung
der Chöre und eben auch in der Schwierigkeit, junge Sänger gewinnen
zu können.
2)
Was sind Ihrer Meinung nach die zwei wichtigsten Ursachen dafür,
dass die Männerchöre keinen Nachwuchs akquirieren können?
Es sind ja
nun nicht nur die Männerchöre, die sich schwer tun, Nachwuchs zu
generieren. Für mich ist das ein Problem vieler Vereine, auch im
Sport. Bezogen auf die Männerchöre kann man das dann auch nicht
generalisieren. Chöre, die früh genug für eine gute Mischung im
Liedgut Sorge getragen haben, haben weniger Nöte, finden dann eher
die Generation 30 respektive 40 plus, die mitsingen wollen. Wichtig
ist mir auch, sich als „alter“ Chor ruhig mal etwas zu trauen,
etwas Neues anzugehen und alte Zöpfe abzuschneiden, eben auch mal
beispielsweise einen Rap zu singen. Das hat bei uns im Chor zunächst
einmal für etwas Unmut gesorgt, aber als das Lied gut einstudiert
war und entsprechend gut geklungen hat und für Begeisterung beim
Auditorium gesorgt hat, waren alle mehr als zufrieden und glücklich.
3)
Gibt es für Männer-Gesangvereine (MGV) auch Alternativen zum gemeinsamen Singen außerhalb
der Vereinsstrukturen?
Das
ist eine gute Frage. Wenn ich einen Chor gründe, muss ich ihm auch
einen organisatorischen Rahmen geben, in dem er sich bewegt und als
der er nach außen tritt. Ich muss das jetzt nicht Verein nennen,
aber eine ähnliche Form wird es schon sein. Ich brauche einen
Chorsprecher, der mit dem Dirigenten Termine abspricht, ich brauche
jemanden, der die Beitragsverwaltung wahrnimmt und die Kasse führt
und ich brauche auch jemanden, der die Pressearbeit macht. Welchen
Namen ich dieser organisatorischen Form gebe? Es muss ja nicht
„Verein“ sein, aber es ähnelt dem doch.
4)
Welche Art von Musik sollte das Schwergewicht des Lied-Repertoires
sein, um einen MGV für die Jugend attraktiv zu machen?
Natürlich
ist der „Musikgeschmack“ generationenbedingt unterschiedlich
angelegt. Das bedeutet aber nicht, dass zwingend nur Rock und Pop
gesungen werden muss, um junge Sänger zu begeistern. Das, was
wichtig ist, ist auf einem guten Niveau zu singen, denn das hat sich
für mich gezeigt: wenn sich junge Menschen für den Chorgesang
entscheiden und begeistern, dann wollen sie das auch ambitioniert
tun. Ja – und gut gesungen klingt halt eben auch Silcher
hervorragend.
5)
Warum erfährt das immer häufiger angebotene „Rudelsingen“ einen
so starken Zulauf, das Singen im Chor aber nicht?
„Rudelsingen“
hat eben mehr Eventcharakter und ist auch nicht verpflichtend wie das
Singen in einem Chor. Gerade letzteres wird einem ja häufig als
Grund genannt: einmal Probe die Woche, das ginge ja noch, aber dann
die Auftritte am Wochenende!?
6)
Gibt es eine Mindestanzahl von mitsingenden Männern für das
Funktionieren eines Chors?
Natürlich
ist es schön, wenn man in einem großen Chor singt. In meiner Zeit
in den Niederlanden habe ich nahe Aachen in einem Chor mit rund 80
Sängern gesungen, das war schon klasse. In Pfaffendorf singe ich in
einem Chor mit rund 30 Sängern und auch das ist gelungen. Wichtig
ist immer eine stimmliche Ausgewogenheit und das passende oder sich
ergänzende Stimmen nebeneinander stehen. Das ist dann die Aufgabe
der Chorleiterin oder des Chorleiters, das harmonisch zusammen zu
fügen. Singen kann ich auch mit einer Handvoll Sängern, die dann
aber auch wirklich stimmsicher sein müssen.
7)
Was sollte sich Ihrer Meinung nach neben der Modernisierung des
Liedguts bei den MGV ändern, um ihre Attraktivität zu erhöhen?
Wichtig
sind gelungene Auftritte und andere Auftrittsplattformen,
Auftrittspattformen, die eben anderes Publikum als immer nur das
eigene Publikum ansprechen. Hinzu kommt neben einer guten
stimmlich-harmonischen Interpretation des Liedgutes heutzutage auch,
das Ganze mit Körpersprache zu begleiten, also eben als
Chor-in-Motion aufzutreten. Hier haben insbesondere die Männerchöre
noch ihre Hausaufgaben zu machen und ich muss zugeben: auch ich fühle
mich manchmal mehr als Bewegungslegastheniker denn als
Bewegungstalent.
8)
Welche Unterstützung gibt es durch den Chorverband, um sterbenden
Chören wieder auf die Beine zu helfen?
Der
Chorverband, sei es Kreis-Chorverband oder Landeschorverband, bieten
Stimmbildungsseminare sowie Seminare zu verschiedenen anderen Themen
an. Das sind aber alles Maßnahmen, die „vor dem Sterbeprozess“
ansetzen und darauf abzielen, die Lust am Singen zu erhalten und zu
steigern und es damit erst gar nicht zum „Sterbeprozess“ kommen
zu lassen. Gezielte Unterstützungsmaßnahmen, „sterbenden“
Chören wieder auf die Beine zu helfen, kann ich nicht benennen.
9)
Haben Geselligkeit, Tradition und Kameradschaft Ihrer Meinung nach in
der heutigen Zeit noch eine Chance? Wenn nicht: Was kann stattdessen
punkten?
Sicherlich
haben Geselligkeit, Tradition im Sinne von „das Feuer schüren und
nicht die Asche bewahren“ und auch Kameradschaft auch heute noch
Wert. Singen geht für mich aber darüber hinaus. Von Professor Fritz
Höft stammt der Satz: „Singen ist Balsam für die Seele!“ Und
genau das ist es, was viele medizinische Untersuchungen gezeigt
haben. Singen ist geeignetes Mittel zum Stressabbau, weil durch
Singen beispielsweise eine ganze Reihe von positiven Emotionshormonen
ausgeschüttet wird und zudem durch Singen auch Immunglobulin
gebildet und damit die Abwehrkräfte gestärkt werden. Ich sage immer
gern: Singen ist ein Saunagang für die Seele. Und für sich selbst
und das eigene Wohlbefinden zu akzeptablen Kosten sollte man sich
doch einmal die Woche Zeit nehmen.
10)
Könnte die Einführung von Vorstandsteams einen Schritt in die
richtige Richtung bedeuten, um die Verantwortung für den Verein auf
möglichst viele Schultern zu verteilen?
Von
der Idee ist der Vorstand ja bereits ein Team, in dem die
verschiedenen Aufgaben, die anfallen, auf mehrere Schultern verteilt
werden. Wenn es aber nun gar nicht gelingt, eine(n) zu finden,
die/der das Amt des 1. Vorsitzenden übernimmt, dann kann es Sinn
machen, zwei gleichberechtige „Vorstandssprecher“ zu berufen.
Dabei ist es aber wichtig, dass diese beiden nicht auf
unterschiedlichen Wellenlängen unterwegs sind und, um es platt zu
sagen, miteinander können. Aber nochmal: Vorstandsarbeit ist
Teamarbeit mit entsprechender Verteilung der Aufgaben.
11)
Kann ein MGV auch mit zweistimmig statt vierstimmig leistungsstark
bleiben?
Grundsätzlich
könnte man sicher mit Ober- und Unterstimme singen, also die Tenöre
und die Bässe zusammen in zwei Stimmen fassen. Wie es mit Partituren
aussieht, kann ich nicht sagen, Leistungsstärke zeigt sich aber dann
doch eben in vierstimmigen Gesang.
12)
Sind die Sängerwettbewerbe noch zeitgemäß? Haben sich die
Teilnehmerzahlen in den letzten 10 Jahren verändert?
Der
Chorverband Rheinland-Pfalz bietet unterschiedliche Wettbewerbe an,
das reicht vom Leistungssingen der Stufen 1 und 2 zum
Meisterchorsingen bis hin zum Leistungssingen im Bereich Pop, Jazz
und Gospel sowie dem Volksliederleistungssingen. Angeboten wird also
eine Bandbreite an Wettbewerben für alle Chorgattungen. Hinzu kommen
dann Angebote der 5 Regionen im Chorverband wie auch Wettbewerbe, die
von einzelnen Chören angeboten werden. Ich halte diese Wettbewerbe
für durchaus zeitgemäß, gibt einem das als Chor doch Gelegenheit,
seine eigene Leistungsfähigkeit einmal durch ein neutrales und mit
qualifizierten Wertungsrichtern besetztes Gremium bewertet zu
bekommen. Zu den Teilnehmerzahlen nur so viel: bei den letzten
Leistungssingen und Meisterchorsingen waren immer zwischen 10 und 15
Chören dabei, ein Mehr an Chören wäre an einem Termin auch kaum
verkraftbar, waren publikumswirksam und haben eine gute Resonanz
gefunden.
13)
Können Sie mir Beispiele von Männer-Gesangvereinen nennen, die es
geschafft haben, sich gegen den allgemeinen Trend zu stellen? Und was
ist deren „Geheimnis“?
Als
Beispiel aus dem Kreis-Chorverband Koblenz kann man sicherlich den
MGV Eintracht Arzheim und den MGV Frohsinn Pfaffendorf nennen. Beides
sind zwar keine Riesenchöre, aber mit ihren jeweils rund 35 Sängern
in einer guten Altersmischung unterwegs. Was ist das Geheimnis? Beide
Chöre haben sich früh genug im Liedgut entsprechend aufgestellt,
beide Chöre haben mit Wolfgang Fink und Waltraud Schmitt Chorleiter,
die entsprechend motivieren. Und die Sänger waren offen für neues –
manchmal vielleicht auch murrend – wobei das Murren relativ schnell
aufgehört hat. Und das ist für mich das wesentliche: offen zu sein
für neues, alte Partituren dann auch alte Partituren sein zu lassen
und durchaus Bekanntes in neuer Form, in einem anderen, moderneren
Satz einzustudieren. Wesentlich ist aber auch immer das Umfeld, in
dem der Chor beheimatet ist, hier hat es Arzheim mit seiner positiv
dörflicheren Struktur und dem Zusammenhalt auch über und in den
Vereinen sicher einfacher als ein Chor mitten in der Stadt.
14)
Ist das derzeitige Aus vieler MGV vielleicht einfach eine natürliche
Auslese, mit der die Spreu vom Weizen getrennt wird?
So
würde ich das nun wirklich nicht nennen. Es ist ja so, dass vielfach
auch früher leistungsstarke Chöre wegen der Nachwuchsprobleme zu
kämpfen haben oder sich eben auch schon aufgelöst haben. Es ist in
meinen Augen nicht der natürliche Ausleseprozess, sondern eben das
Er- und Durchleben eines auch grundlegend gesellschaftlichen
Problems.
15)
Schauen Sie doch bitte einmal in die Zukunft: Wie sieht die
Chorlandschaft Ihrer Meinung nach in 20 Jahren aus?
Jetzt
habe ich meine Kristallkugel nicht zur Hand. Von daher fällt es mir
schwer, die Chorlandschaft der Zukunft zu prognostizieren. Ich
glaube, oder sagen wir mal lieber, ich hoffe, dass wir auch in der
Zukunft eine Vielfalt und breite Palette in der Chorszene haben
werden. Und wenn ich mir die Zahlen aus unserem Kreis-Chorverband
Koblenz anschaue: von den rund 1500 Sängerinnen und Sängern der
Chöre, die dem Chorverband angeschlossen sind, sind über die Hälfte
Sängerinnen und Sänger in Kinder- und Jugendchören. Das stützt
meine Hoffnung: Singen hat Zukunft und die Chorlandschaft der Zukunft
wird nicht weniger bunt sein als heute. Das, was wir wahrscheinlich
nicht mehr vorfinden werden, sind die sehr großen Chöre, dafür
vielleicht mehr Genre-Chöre und mehr Projektchöre.
16)
Worin unterscheiden sich Männer- von Frauen- und von Projektchören?
Warum erfahren die einen mehr Zulauf als die anderen?
Zum
Unterschied bei den Frauen- und Männerchören habe ich spaßeshalber
mal gesagt, dass die Freude und die Lust am Singen wohl etwas mit den
unterschiedlichen Chromosomensätzen zu tun haben muß. Und das es
wohl das „schadhafte“ XY-Chromosom ist, das uns Männer teilweise
eben weniger sangeslustig sein lässt als Frauen. Nun sind
Frauenchöre im Vergleich zu den Männerchören ja noch eine jüngere
Chorgattung, der Frauenchor Bubenheim feiert in diesem Jahr sein
30jähriges Bestehen, Quodlibet Rübenach besteht seit 25 Jahren. Von
daher ist auch die Alterstruktur in den Frauenchören ganz anders als
bei den Männerchören und entsprechend ist auch hier die
Bereitschaft zum Ausprobieren neuen Liedgutes aus meinem Blickwinkel
heraus größer.
Und
zu den Projektchören: die bilden sich für ein bestimmtes Projekt,
sind also zunächst einmal für mögliche MitsängerInnen zeitlich
befristet: Ja – wenn das nur für ein halbes Jahr ist, da singe ich
doch mit!
Das Interview führte ich mit
Dietmar
Weidenfeller
Kreisvorsitzender im Kreischorverband
Aufgaben:
- Leitung
des Kreis-Chorvebandes
- Vorstandssitzungen
und Tagungen
- Repräsentation